Wenn jede Traube zur Herausforderung wird – Unser Umgang mit Hitze, Dürre und Verantwortung
Der Sommer, der alles verändert hat
Es war ein Sommer, der uns als Winzer an unsere Grenzen geführt hat. Tag für Tag brannte die Sonne erbarmungslos auf die Rebzeilen, der Boden riss auf, die Luft flirrte. Regen? Fehlanzeige. In einem Jahr, das eigentlich unsere Grundlage für die kommenden Weine schaffen sollte, wurde plötzlich jede Traube zur Herausforderung.
Dabei geht es nicht um Klimapolitik oder große Theorien – es geht um das tägliche Ringen um unsere Reben. Um Entscheidungen, die frühmorgens im Staub getroffen werden. Um Sorgen, die wir mit uns tragen, wenn der nächste Wetterbericht wieder nichts Gutes verspricht. Und um den tiefen Wunsch, auch unter extremen Bedingungen das zu tun, wofür wir stehen: ehrliche, charaktervolle Weine für unsere Kundinnen und Kunden zu schaffen.Dieser Artikel ist kein Klagen. Er ist ein Einblick. In unsere Arbeit. In unseren Kampf gegen die Hitze. Und in unsere Entschlossenheit, auch in schwierigen Jahren dranzubleiben.
Was passiert bei Hitzestress im Weinberg?
Hitzestress – ein Wort, das man schnell sagt, aber das im Weinberg tiefgreifende Folgen hat. Wenn über Wochen kaum Regen fällt, sinkt die Wasserversorgung im Boden drastisch. Für die Reben bedeutet das: Alarmstufe Rot. Die Pflanzen beginnen, sich selbst zu schützen. Die Verdunstung über die Blätter wird minimiert, das Wachstum eingestellt. Die Energie wird nicht mehr in die Traubenbildung gesteckt, sondern in den reinen Erhalt der Pflanze.
In diesem Jahr blieb uns zumindest eine starke Verrieselung weitgehend erspart – die Blütezeit fiel in eine stabile, aber nicht übermäßig heiße Phase. Doch das Bild trügt. Später im Jahr, als die Temperaturen erneut anzogen und der Regen weiter ausblieb, zeigten sich die Schäden umso deutlicher.
Beim Silvaner etwa beobachten wir eine deutliche Wuchsverzögerung. Die Rebe stand so unter Stress, dass sie kaum in der Lage war, sich weiterzuentwickeln – das vegetative Wachstum blieb nahezu stehen. Besonders deutlich wird das beim Laub, das sich nicht wie gewohnt entfalten konnte, und bei den lockeren Traubenstrukturen.
Noch gravierender ist die Situation beim Müller-Thurgau. Hier sehen wir bereits die ersten trockenen, verschrumpelten Beeren direkt am Stock. Sie sind das sichtbare Zeichen für Wasserstress – der Rebstock muss Prioritäten setzen und opfert einzelne Beeren, um die übrigen zu retten. Wir rechnen beim Müller-Thurgau in diesem Jahr schon jetzt mit rund 20 % Ernteverlust. Und wir stehen noch mitten im Sommer.
Ein weiteres Problem ist die Reifeverzögerung. Wenn die Pflanze im Stress ist, reift sie entweder zu schnell oder ungleichmäßig. Zuckerwerte steigen, aber Aromen und Säuren bleiben zurück. Das macht es schwer, den optimalen Lesezeitpunkt zu bestimmen – ein Balanceakt zwischen Qualität und Schadenbegrenzung.
So wird Hitzestress zu einem unsichtbaren Gegner. Er schleicht sich ein, zerstört nicht plötzlich, sondern Tag für Tag. Und wir sind gezwungen, ihn ernst zu nehmen – mit allem, was wir haben.
Zwischen Staub, Sonne und Verantwortung – Alltag im Weinberg
Die Arbeit im Weinberg hat sich in den letzten Jahren verändert – nicht nur in der Technik, sondern vor allem in der Taktung und in der Belastung. Was früher ein normaler Tagesablauf war, muss heute auf Wetterextreme abgestimmt werden. Wir beginnen frühmorgens, wenn die Luft noch einigermaßen kühl ist. Doch selbst da stehen wir oft schon in trockener Hitze und gehen durch staubige Reihen.
Der größte Feind ist dabei nicht nur die Sonne, sondern die Unsicherheit. Wann kommt der nächste Regen? Reicht die Bodenfeuchte für die nächsten zwei Wochen? Müssen wir selektieren oder rausreißen? Viele Entscheidungen lassen sich nicht mehr langfristig planen – sie entstehen im Moment, aus Erfahrung, Intuition und viel Beobachtung.
Zu zweit im Weinberg zu stehen, bedeutet: jede Entscheidung selbst zu treffen – und jede Maßnahme selbst umzusetzen. Es gibt keine Übergabe, keine Arbeitsteilung in große Teams. Nur uns, die Reben und die Tageshitze. Und obwohl das manchmal an die Substanz geht, erleben wir dabei auch, wie wertvoll unsere Routine, unsere Abstimmung und unsere Hartnäckigkeit sind.
Gleichzeitig wächst der mentale Druck. Jeder Blick auf die Wetter-App, jede durchsichtige Traube wird zur Entscheidung: Eingreifen oder abwarten? Ist es klug, jetzt zu entblättern – oder riskieren wir damit noch mehr Sonnenbrand? Zwischen diesen Fragen liegt oft ein halber Jahrgang.
Trotz allem tragen wir diese Verantwortung mit Überzeugung. Nicht weil es leicht ist, sondern weil es unser Beruf ist. Und unser Handwerk. Wir stehen draußen, weil wir wissen, dass es auf uns ankommt. Dass keine App und kein Sensor ersetzen kann, was unser Bauchgefühl uns sagt – und was wir täglich mit unseren Händen tun.
Was wir konkret tun – Unsere Maßnahmen gegen den Hitzestress
Wir können das Wetter nicht beeinflussen – aber wir können versuchen, unsere Reben so gut wie möglich darauf vorzubereiten. Die Maßnahmen gegen Hitzestress beginnen dabei nicht erst im Sommer, sondern ziehen sich durch das ganze Weinjahr. Dabei setzen wir nicht auf große Technik oder ausgefeilte Systeme, sondern auf gezielte Pflege, rechtzeitige Eingriffe und vor allem: auf Erfahrung.
Ein zentraler Punkt ist der Umgang mit dem Boden. Wir arbeiten daran, die vorhandene Bodenfeuchte so lange wie möglich zu erhalten. Das gelingt unter anderem durch lockeren, gut durchlüfteten Boden und punktuelle Begrünung, die den Boden schützt, aber nicht mit den Reben um Wasser konkurriert. So versuchen wir, den Wasserstress in heißen Wochen zumindest zu mildern.
Auch bei der Laubarbeit gehen wir sehr bewusst vor. Zu frühes Entblättern kann die Trauben ungeschützt der Sonne aussetzen – deshalb entscheiden wir bei jeder Zeile neu, wie viel Luft und Licht gut ist. Unser Ziel: eine stabile Balance zwischen Belüftung und natürlichem Schattenschutz.
Ein weiterer Baustein ist das Beobachten der Reben – manchmal täglich. Wie entwickelt sich das Wachstum? Wo zeigen sich erste Trockenzeichen? Diese kleinen Unterschiede frühzeitig zu erkennen, hilft uns, gezielt zu reagieren. Beispielsweise indem wir schwache Reben entlasten oder Pflegearbeiten bewusst aussetzen, um die Pflanze nicht zusätzlich zu stressen.
Wir wissen, dass keine dieser Maßnahmen Wunder bewirkt. Aber jede Einzelne kann den Unterschied machen – zwischen Trauben, die reif werden, und solchen, die auf halbem Weg aufgeben. Und genau deshalb bleiben wir dran. Weil wir wissen, dass sich dieser Einsatz am Ende im Glas wiederfinden kann.
Wofür wir das alles machen – Qualität und Verlässlichkeit
Am Ende all dieser Mühe steht für uns nicht nur eine volle Ernte, sondern vor allem ein Versprechen: Dass wir trotz aller Widrigkeiten einen Wein machen, der für unsere Arbeit, unsere Haltung und unseren Anspruch steht. Denn so unterschiedlich jedes Jahr ist – unser Ziel bleibt dasselbe: ehrliche, eigenständige Weine mit Charakter.
Dabei geht es nicht um Perfektion. Kein Jahrgang ist wie der andere, und manche Lagen zeigen bei Hitze einfach ihre Grenzen. Aber wir sehen es als unsere Aufgabe, auch aus schwierigen Jahrgängen das Beste herauszuholen. Mit einem klaren Blick auf die Qualität, und mit der Bereitschaft, dort zu selektieren, wo es nötig ist.
2024 war für uns ein Ausnahmejahr – leider im negativen Sinn. Wir konnten gerade einmal 130 Liter ernten. Das entspricht einem Rückgang von rund 90 % im Vergleich zum Vorjahr. Eine Zahl, die wehtut. Und doch haben wir genau aus diesem kleinen Ertrag das Beste herausgeholt. Jeder Liter erzählt die Geschichte eines Jahres voller Einsatz, Zweifel, Entscheidungen – und am Ende auch: Stolz.
Qualität beginnt für uns nicht erst im Keller, sondern draußen im Weinberg. Jeder Handgriff – vom Bodenmanagement bis zur Lese – beeinflusst, was am Ende in die Flasche kommt. Und genau deshalb geben wir nicht auf, wenn’s schwierig wird. Sondern setzen gerade dann auf Sorgfalt und Fingerspitzengefühl.
Unsere Kund*innen dürfen darauf vertrauen, dass wir nichts schönreden. Wenn der Jahrgang niedrig im Ertrag ist, dann sagen wir das offen. Aber wir sagen auch: Was geerntet wird, hat Substanz. Weil wir keine Kompromisse machen bei dem, was in unseren Fässern landet.
In einem Jahr wie diesem ist das vielleicht das Wichtigste: nicht nur durchzuhalten, sondern Haltung zu zeigen. Zu sagen – ja, es war schwer. Aber wir stehen hinter dem, was wir machen. Und wir freuen uns darauf, diese Weine gemeinsam mit Ihnen zu probieren.
Unsere Motivation und unser Versprechen
Was uns antreibt? Die Antwort ist einfach – auch wenn der Weg oft alles andere als leicht ist. Es ist die Leidenschaft für das, was wir tun. Der Glaube daran, dass Wein nicht nur ein Produkt ist, sondern ein Stück Landschaft, ein Jahrgang, eine Geschichte. Und dass wir diese Geschichte erzählen – mit allem, was dazugehört.
Wir wissen, dass wir die Natur nicht kontrollieren können. Aber wir können zeigen, dass wir Verantwortung übernehmen. Dass wir uns nicht zurückziehen, wenn es schwierig wird, sondern erst recht dranbleiben. Für die Reben. Für die Qualität. Und für all jene, die unsere Weine trinken – mit Freude, Neugier und Vertrauen.
Auch 2025 war bisher kein einfaches Jahr. Die Herausforderungen sind geblieben, die Schäden zum Teil sichtbar. Aber wir spüren auch: Die Arbeit lohnt sich. Wir sehen Trauben, die sich trotz der Bedingungen entwickeln. Wir sehen Reben, die durchhalten. Und wir wissen: Das wird ein kleiner, aber ehrlicher Jahrgang.
Was wir versprechen können: Dass wir wieder alles geben werden. Dass wir jede Entscheidung bewusst treffen – mit Blick auf Qualität, Nachhaltigkeit und Authentizität. Und dass wir bereit sind, auch im Kleinen Größe zu zeigen.
Am Ende freuen wir uns auf den schönsten Moment im Winzerjahr: Wenn wir die neuen Weine gemeinsam mit Ihnen probieren dürfen. Wenn jede Flasche erzählt, was in ihr steckt – und Sie schmecken, was wir erlebt, entschieden und geschafft haben. Das ist unser Weg. Und wir danken allen, die ihn mit uns gehen.